“Wahres ‘Über-Setzen’... wäre ein Nachdichten, das durch doppelte Bindung sich

mit weit größerer Verantwortlichkeit zu beglaubigen hätte, als das Dichten im eigenen Erlebnisraum...”

(Karl Kraus)


Ukrainisch


Englisch

Kindergeschichten, Wissenschaftstexte, Untertitel zu Filmen von Norah Ephron, Peter Jackson, Duncan Jones, Tony Palmer, Robert Rodriguez, Gary Ross, Bryan Singer, u.v.m.  Arbeit an Serien und Shows, u.a. Orange is the New Black, You, Desperate Housewives, South Park, Spartacus, Champions, We Bare Bears und Chelsea Lately.


Französisch

Untertitel zu Filmen von Jean-Jacques Annaud, René Clair, Abel Gance, Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Melville, Eric Rohmer, Bernard Tavernier u.a.


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Jurij Izdryk

oktavisch

 

im Erntemond sterben

durch Leinen schreiten

Regeln keine, Zeugen nicht zugelassen 

8 lachende Flammen verlassen

und etliche lohnende Stoffe

Türen und Fenster offen lassen

und aus dem Rauchfang fahren

kein Grus, kein Gefieder

nur Pinsel und Griffel

und der Geruch von gehäckseltem Gras

die herbe Rebe gehegt seit März

Sukkade, Sambucus, Muskat

Anamnese der Lichter auf Perrons der Provinz

und Enzykliken verzückter Zikaden

sich ruchlos als Hauch

über das Anwesen heben

Wolken und Vögeln folgen

durch Pflaumen taumeln

sich einschreiben schief

und kursiv ins Himmelsarchiv

und – verschwinden für immer

spurlos ruhmlos

kein Testament, kein Akzent

er lebte eben so vor sich hin

schon lange bis unlängst 

machte sich dann auf – und ging

im Erntemond sterben

die Propheten erbeben lassen

als Schemen zur Erde schweben

nur den Atem vererbend im Fall

den Klüften deiner Klavikulae


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

KATERYNA BABKINA

Ewiges Gedenken 

 

Liegst du im Sterben, so solltest du daran 

denken, dass, klar, immer das Gute gewinnt,

nur merkt man's vielleicht nicht gleich.

Dass es jedenfalls irgendwo silbrige Bäume und süße Flüsse gibt

und dass für immer dein nur ist, was du herschenkst, 

und sei's auch alles an Licht, was du hast.

Dass Lieben nicht weh tut und nicht schlimm ist selbst dann,

wenn die Angst dich packt vor der Liebe und es schmerzt,

dagegen nicht anzukommen.

Keinesfalls solltest du daran denken, wie

nach dir andere leben und sterben, die 

nicht das Geringste wissen von dir.

Kommt also, sei´s unerwartet oder auch nicht, der Augenblick,

in der Stadt, die noch überall brennt,

in dem Land, das noch so viel von dir will, 

dann zähl besser schnell deine Lieben auf und die,

die liebevoll achtsam in deine Fußstapfen treten 

und schließ deine Augen nicht.

Ewiges Gedenken -  ist ein dünner Strahl, der durch die Zeiten bricht,

ist ein kostbarer Klang in der Luft, ist Taubengurren

und blitzendes Gold in fremdem Aug.

Liegst du im Sterben, so solltest du singen:

Leben läuft über in Leben wie Meer in Regen

und darum endet es nicht.


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

MARJANA KIJANOVSKA 

leben leben und leben

 

gerade so, niemals mehr als die Blätter

die in der Hruschewski-Straße nicht an den Bäumen hingen

als die schwarze Eiskruste auf dem Weiß des Schnees

nach den Scharfschützen

nach der Hymne

als die Nussbäume, die Ahorne und die Kastanien

in den Kuhlen, in der Erde

tanzten und tanzten, um nicht zu fallen

neun Tage ausharrten und noch einmal vierzig

nochmal und noch

noch mal und noch mal und noch

und dann alle auferstanden

die Nussbäume, die Ahorne und die Kastanien 

und manche trieben selbst aus


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

PETRO MIDJANKA

Weißt du noch, Lug

 

Weißt du noch, Lug mit seinen Schindeldächern

Die Soleier auf den Stellagen die Pilze

Papageien schreiend im Fernsehen

die hellroten Troddeln der Blusen.

Wie anders ist es hier jetzt

Überwuchert ist alles, die Donau schwemmte alles hinab.

Nur auf Fotos gibt es sie noch, die Schänken und Hütten,

als Kind streifte ich dazwischen umher.

Jetzt sprießen Häuser mit Bogengängen,

jemand baut eine Arche, wie die des Noah.

In den Augen der Dichter glimmt das Gold der Kolyma

Und endzeitlich strahlend der Wahn


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Kateryna Mikhalitsyna-Onishchuk

Gespräche

 

Wie findest du ihn, Jim, diesen Herbst aus Versehn,

diesen August, diese Dürre, den mephistophelischen Brand? 

Hörst du, wie die Schnecken das Grün zerpflücken? Wie die nackten Zehn

der Kastanien durch den Straßenstaub schreiten? Ja, hier ist ödes Land –

es könnte mit Kalifornien sich messen. Zapfen mit schuppigen Rillen,

gewaltig wogend bräunliche Fichten, welk und versengt.

Wein aus Hagebutten. Piroggen. Tote Mäuse, verdorrende Hüllen,

von fetten Katern erschlagen. Unter zwanzig Körnern liegt

eine Erbse, die letzte. Teilen wir halt in zwei Hälften.

Wohin willst du? Bleib da, lass doch, lass doch – sollen sie ruhn.

Und wieder Kastanien. Fallen ausgezehrt von den Bänken

über dem Wagenrad. Und die Schnecken, hörst du, sind stumm...

Nun gut, dann sprechen wir noch mal. Davon, wie in brauen Pilzen 

mit weichen, glitschigen Kappen beim Stoß durch die Kruste

des ersten Schnees – eines Nachts im November – der Wille 

zu wachsen erstirbt. Komm, wir verriegeln die Luke.

Wir glätten die Decke und löschen in der Lampe aus China das Licht.

Wir schließen die Augen. Gedunsen und kränklich vor Nässe

rutschen Flocken die Scheibe herab. Klar, das kennst du so nicht,

dass sich das alles so anfühlt, so tief ist, bis zur völligen Schwäche

der Zunge bewegungslos eingewachsen ist in das Ohr... Die Pilze

sind starr vor Kälte im Schnee um den knorrigen Stamm,

Torfmoos wächst auf ihm,  von oben muten sie

wie die Buckel kleiner Kamele an. Erbarmungslos klamm

durchdringt der Schnee ihre Leiber bis in die fasrigen Herzen,

schält aus den Rissen noch unreife Sporen,

und in der Mitte brechen sie ein. Sinken nieder wie Kerzen

wie Karawanen in der Wüste, matt und verloren. 

Und der Schnee häuft sich auf. Gemächlich und weiß, wie ein Henker,

mit einem Korb, worin weiße Binden sich türmen,

wird dieses Wesen ihnen zum Gott. Hast du es SO schon gesehn? Welch feine Den- 

ker sie sind! Vom Dachboden duften die trocknenden Birnen... 


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Vano Krüger

Die Landung der faschistischen Fliegenpilze am 25. April in Berlin während der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee

 

Als die Rote Armee Berlin einnahm, am 25. April '45

Da landete inmitten der zerbombten, besiegten Stadt

mit ihren von Trümmern bedeckten Straßen

und den leeren Gebäudegerippen mit schwarzen Höhlen statt Fenstern

da landete also mitten im Schutt und im Chaos des Krieges

ein Trupp Fliegenpilze, 

die letzte Hoffnung des Reichs, SS-gedrillt in Gewölben und Bunkern.

Die Fliegenpilze waren riesig, mit trunkenen, strahlenden Augen

und breitem Zahnpastagrinsen 

unter ihren mit schwarzen Hakenkreuzlein übersäten,

breitkrempigen Hüten.

Die Fliegenpilze schnappten sich die Sowjetsoldaten

stopften sie sich in den aufgerissenen Rachen

und bissen ihnen in voller Montur

die Köpfe ab.

Die grünen Helme mit den roten Sternen spuckten sie aus:

Plautz, da flog einer und kollerte übers Berliner Pflaster, dass es 

zur Freude der Fiegenpilztruppe

ganz wie das Horst-Wessel-Lied klang,

Plautz, da flog noch einer, der schepperte Deutschland, Deutschland über alles

Schlutz - das war die Kappe eines roten Majors, die war unmusikalisch.

Als die Fliegenpilze ihr Festmahl beendet hatten, 

rotierten bei allen zugleich die Hakenkreuzhüte

und sie hoben als großes Dreieck ab in den Himmel

und glichen bald nurmehr

einem niedlichen Schwarm roter Sonnenschirmchen.


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Ljubow Jakymtschuk

Die Aprikosen des Donbas:

Großmutters Märchen

 

Wenn Tränen 

Steinsalz werden

Wenn das Meer im Bauch

eine Mine wird

Dann sterben die Mammuts

und werden Seelen geboren offen und frei

die tauschen den Schneid gegen Schnaps

und gehen malochen

Warte! 

Sie schluckt dich, die Mine

die Schöne mit der schwarzen Haut

aus Stein

Haben die Skythen für sie die Idole gehauen

in den wie Kumpelbacken stoppligen Steppen?

Warte!

Sie gebiert dir ein totes Meer

ihre Taille misst keine sechzig

und die Brüste hängen ihr auf den Bauch

Geh nicht hinein

Vielleicht kommst du nicht wieder

wie das Kind einer Mutter

die nicht gebären will

Er versank in ihr – eins

und kam wieder, in der Hand hielt er Tränen

Er versank in ihr  – zwei

und kam wieder, in der Hand hielt er Salz

Er versank in ihr  – drei

und seine Hände voll Kohle

zogen ihn auf den Boden

des Meers im Innern der Erde

Die Aprikosen reckten zum Himmel die Hände

Die Aprikosen setzten sich gelbrote Helme auf

Und wenn du jetzt Aprikosen isst

ist Kohle drin

Ende


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Ljubow Jakymtschuk

Die Aprikosen des Donbas: 

Das Buch der Engel

 

Deine Zähne sind dunkel und löchrig

wie die Halden

Deine Augen grau und stechend

wie der Wurzelstock

aus Rauch des Kombinats Altschevs'k

der umgedreht in die Höhe wuchert

und überall anwächst

wie Weiden

- Meine Gesundheit ist schwach

  doch bin ich nicht zu bedauern

  Sie geben mir Gras, doch nicht irgendwelches

  steinernes

  von unter der Erde

  von unter dem Himmel

  Einst war hier ein Meer

  und riesige Grashalme wuchsen

  an denen sich Engel wiegten

  Das Gras lauschte ihrem Gespräch

  bewahrte die Worte

  wurde verdichtet zu Torf

  Der presste das Wasser heraus

  wurde zum Mark von allem

  verbarg sich unter frischen Zweigen

  und  allerlei Stümpfen

Die Engelsworte 

konnten durch die Luft nicht reisen

da wurden sie Kiesel

steinernes Gras

Sie wurden Kohle

und jede Grube jetzt ist ein Buch

voller Engelswörter

dessen Seiten

in den Hochöfen brennen

den gewaltigen Kerzen

verloren-verstreut

in den Steppen

Daher blasen im Donbas die Fabriken 

bunten Rauch in den Himmel

und pfeifen 

auf das Rauchverbot 

für öffentliche Gebäude

In den Werkshöfen 

haben sie das Sagen

Und da ist bekanntermaßen das Rauchen

nicht mal den Spatzen verboten

fu-tsch

ein Zug

fuu-tsch fuu-tschsch


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Ljubow Jakymtschuk

Die Aprikosen des Donbas: 

er sagt, es wird alles gut

 

er sagt: sie haben die Schule zerbombt, auf der du warst

er sagt: das Essen geht aus, das Geld ist auch alle

er sagt: humanitäre Hilfe, der weiße Konvoi, das ist die Rettung

er sagt: humanitäre Hilfe flog bislang als Granaten

es hat die Schule erwischt

wie das denn, wann und wie – erwischt?

ist sie leer, zerschossen oder einfach weg?

was ist mit meinem Foto am schwarzen Brett?

was mit meiner Lehrerin, die vor der Klasse stand?

er sagt: Foto? wen interessiert schon dein Foto?

er sagt: die Schule ist geschmolzen – scheußlich heiß dieser Winter

er sagt: die Lehrerin hab ich nicht gesehen und bitte mich nicht nachzuschauen

er sagt: deine Patin hab ich gesehen, die hat’s erwischt

flieht

lasst alles stehen und liegen und flieht

verlasst das Haus, die Aprikosengläser im Keller

die rosa Astern auf der Veranda

die Hunde erschießt, damit sie nicht leiden 

verlasst dieses Land, verlasst es

er sagt: spinn nicht rum, wir verlassen es täglich – in Särgen

er sagt: es wird alles gut, unsere Rettung naht

er sagt: der Konvoi rollt 


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Ljubow Jakymtschuk

ZERFALL

 

An der Ostfront nichts Neues

wie lang so noch?

Metall wird vor dem Tod heiß

und Menschen kalt

erzählt mir doch nichts von Luhansk

es heißt schon lange bloß Hansk

Lu wurde dem roten Teer gleichgemacht

meine Freunde tragen Handschellen

do ch nach Do nezk gelange ich nicht

um die Gefesselten aus den Gelassen, den Kesseln zu lassen

und ihr schriebt Verse, wie bestickte Blusen so hübsch

schreibt ideale, glatte Gedichte

goldene, hohe Dichtung

über Krieg lässt sich nichts dichten

Krieg ist Zerfall

bloße Lettern

sie alle bloß rrr

Perwomajsk wurde zu Perwo und Majsk zerbombt

per foriert im Mai sk andalös quälend

und wieder endete ein Krieg dort

aber Frieden kam keiner

und wo ist De balzewo?

mein Debalze wo?

da wird kein De Saussure mehr geboren

da wird überhaupt kein Mensch mehr geboren

der Horizont, der mich umrundet

ein einziges spitzes Dreieck

Sonnenblumen auf einem Feld mit hängenden Köpfen

schwarz und trocken geworden, wie ich

bin so schrecklich alt schon

und auch nicht mehr Ljuba

bloß ba


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Anton Kushnir

URBAN STRIKE

 

Rippen brechen beim Ausatmen. Tiger hätte das wissen müssen.

Vor ein paar Jahren kursierte in der mehr oder weniger radikalen Szene und im Netz ein Text: Die „Ratschläge des großen Bruders” – angeblich war dieser ehemaliger Streifenpolizist – mit einer Liste von Empfehlungen für den Umgang mit der Polizei bei Ausweiskontrollen, Durchsuchungen, bei der Festnahme, beim Verhör, beim Versuch, ein Geständnis aus dir herauszuprügeln oder dir einen ungelösten Fall anzuhängen.

Darin hieß es ausdrücklich: Wenn sie dich auf den Boden geworfen haben und zutreten, Atem anhalten, Rippen brechen beim Ausatmen. Tiger, der uns damals einen Ausdruck dieser Ratschläge mitgebracht hat, derselbe Tiger, der jetzt mit zwei gebrochenen Rippen auf der Unfallchirurgie liegt, der hätte das wissen müssen. 

Ich bahne mir einen Weg durch eine gutgelaunte Gruppe, die den Bürgersteig okkupiert, und versuche zu kapieren, was schief gelaufen ist. Vielleicht hat der Text ja Lügen erzählt. Es gibt keinen Grund, einem Bullen zu glauben, selbst wenn es ein ehemaliger ist, außerdem ist über den Autor des Textes nichts Verlässliches bekannt.

Der Text hätte auch das Fake irgendeines Penners sein können. Vielleicht hat Tiger diesen Ratschlag vergessen, es ist ja nicht gerade einfach, sich an die passende Anweisung zu erinnern, wenn sie von hinten über dich herfallen, dich auf den Asphalt werfen und sofort mit schweren Schuhen auf dich eintreten, das ist ja gar kein echter Kampf, bevor du auch nur zur Besinnung kommst, liegst du schon in einer Blutlache... (fließt eigentlich Blut, wenn man sich die Rippen bricht?... innerlich schon, klar, aber äußerlich?) Vielleicht hat es auch zu lang gedauert?

Wie lange kann man den Atem anhalten, wenn man sich auf dem Boden wälzt und das Gesicht schützt? Vielleicht ist er mit dem Schmerz nicht klargekommen?

Schmerz kann auf alle Fragen die Antwort sein. Er ist ein gewichtiges Argument gegen dein Wertesystem, gegen deine politische Einstellung, das komplexe Geflecht persönlicher Sympathien und Antipathien. Ein Argument, das sie früher oder später unweigerlich gegen dich anführen werden, und auf das du dich vorbereiten musst.


Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten

 

Oksana Forostyna:

DUTY FREE

 

»Wer ist denn der Maltschik da?«

Einen Moment lang war sich der Riese unsicher, ob er nicht vorsichtshalber auch Elijah an seine breite Brust drücken sollte.  

»Wie bitte?«

Elijah ahnte, dass die Frage ihn betraf. Wie auch sonst immer stellte Damskyj ihn seinem Bekannten kurz vor:

»Das ist Elijah, er kommt aus Amerika, er ist hier, um unseren Dumpfbacken etwas über Business beizubringen.«

Die Worte »Amerika« und »Business« riefen regelmäßig hohe Erwartungen hervor, insbesondere bei Künstlern, die einen potentiellen Kunden in ihm sahen und Elijah sofort in ihre Ateliers einluden. Gern finanzierte er ihnen dann ein ordentliches Besäufnis, doch ein Bild überstieg sein Budget.

 

Zu seiner Verwunderung machten ihm die Künstler oft Geschenke – keine Bilder, das nicht, aber kleine Grafiken, Kataloge, Scherben alter Fliesen, Schnipsel aus Collagen, Fotos oder Plakate. Überhaupt schien es, als gäbe es für sie nichts Wichtigeres im Leben, als Elijah vom Anfang der Neunziger und dem Festival »WyWych« zu erzählen, vom Anstehen für Alkohol, von den Kostümbällen, den Engeln aus Gips und den Key-Dschi-Bi-Agenten in ihren Ateliers, von den Freunden, die gestorben waren, und von der Geldnot.

 

Das Land ihrer Geschichten hatte nichts mit dem Land der unbegrenzten Freiheit aus Elijahs Träumen gemein, aber auch nichts mit der Welt der naiven, darbenden Wesen, die man in der ukrainischen Sonntagsschule heraufbeschworen hatte. Künstler waren unter der Sowjetherrschaft offenbar vor allem damit beschäftigt gewesen, einander in ihren Ateliers zu besuchen, und in der Regel hatten sie ihre Arbeiten gar nicht unbedingt verkaufen müssen.

 

Viele hatten allerdings auch nicht die Möglichkeit gehabt, etwas zu verkaufen, da es Nicht-Regimetreuen (und Elijah traf sich überwiegend mit solchen) verboten gewesen war, in offiziellen Galerien auszustellen, weswegen sie sich ihre Bilder gegenseitig zu den sogenannten Privatausstellungen brachten. 

Dafür hatte es andere Möglichkeiten gegeben, beispielsweise konnte man in einem Dorf eine Bushaltestelle ausgestalten (Elijahs Versuch eines Gesprächsbeitrags:

Oh ja, in Amerika waren solche Wandgemälde in den dreißiger Jahren populär!),

der Lohn reichte dann für mehrere Monate bequemen Lebens, und während der Arbeit vor Ort

hatte der Künstler Kost und Logis in der Kolchose. 

 

Der Neuankömmling war ganz offensichtlich auch einer von diesem Schlag.  

»Jelajscha, hör mal«,  seine neue Bekanntschaft – struppige Mähne, Bart, Brille, ein Regenmantel, auf dem Elijah etliche Flecken entdeckte, über deren Herkunft er aber lieber nicht nachdenken wollte – wandte sich ohne viel Umschweife an ihn:

»Jelajscha, weißt du eigentlich, dass der Vater eures großen Dichters Allen Ginsberg in dieser Stadt geboren wurde?«